DIE INITIALZÜNDUNG(EN)

Ulrich LAND

Was sind sie eigentlich »Initialzündungen«? Und wie entstehen sie überhaupt?

Bei mir reichen die ersten Gehversuche mit dem Fantasiefüller bis in die Grundschulzeit (damals noch »Volksschulzeit«) zurück. Mein schönstes Ferienerlebnis gehörte auf Geheiß der guten Frau Rademacher aufgeschrieben. Mein Problem nur: Ich hatte keines. Oder ich erinnerte mich an keines. Die Ferien waren grottenlangweilig. Nichts, aber auch gar nichts, was ich für wert befunden hätte, mit literarischem Feinschliff festgehalten zu werden. Also behalf ich mich mit dem Bücherregal und irgendeinem Kinderbuch von Meindert DeJong. Spielte in Holland. Und waren wir nicht auch in Holland gewesen?
Da mir Abschreiben zu mühselig erschien, machte ich mich ans Nacherzählen. Oder etwas vornehmer: Nachempfinden.

Anderthalb Wochen nach dem Abgabetermin eröffnete die Rademachersche meiner Mutter ihre Verblüffung darüber, was wir, gute Güte, so alles im Urlaub erlebt hätten!
Worauf die Verblüffung auf Seiten meiner Mutter Einzug hielt. Ganz im Gegenteil, und man wisse doch, wenn einem langweilig sei, fange die Erholung an.
Na, dann habe der Sohnemann aber eine blühende Fantasie. Und was für eine Note solle sie ihm nun für die erstunkenerlogene Geschichte verpassen?

Der zweite Gehversuch fand zehn Jahre später statt. Ich war Ende 17 und zum ersten Mal verknallt. Bis über beide Ohren. Und um die Holde zu überzeugen, und da wir in der Oberprima grade Great American Shortstories durchnahmen, überreichte ich ihr in aller Feierlichkeit eine selbst geschriebene Geschichte. Diese handelte, weiß ich noch wie heute, von dem Phänomen, dass man, so man weit genug rausfährt, vom Boot aus ringsum nur Wasser und kein Fitzchen Land mehr zu sehen bekommt. Was allerdings auf der Handlungsebene passierte – keine Ahnung mehr, ich fürchte nicht allzu viel. Denn erst weitere zehn Jahre später kam ich auf den Trichter, dass in Geschichten was zu passieren habe und dass es vielleicht klug sein könnte, sich nicht nur in herz- und weltschmerztriefenden Beschreibungen zu ergehen.
Leider, sehr leider ist die Geschichte verschollen. Und die Holde leider, sehr leider auch.

Kann es also sein, dass das Hauptmotiv des (öffentlichen) Schreibens nichts als die Selbstliebe ist? Um nicht zu sagen: die Selbstverliebtheit. Jedenfalls die Vermessenheit, davon auszugehen, dass man der Welt was zu sagen hat. Und dass die Welt – verdammt noch mal – zuzuhören hat.

Adrian ZSCHOKKE

Da steige ich gerne zu, in diese Bahn der Erinnerungen!
Zum Ersten: Auch »Fräulein« Amman, unsere Lehrerin in der 4. Klasse, wollte unser schönstes Ferienerlebnis erfahren. Mein Satz: »Während wir über die Autobahn fuhren, erhoben sich neben uns die Berge ›majestätisch‹«. Majestätisch – einWort, das ich kurz vorher in einer Broschüre gelesen hatte und sofort anwenden wollte – reichte für die Bestnote und schickte mich auf eine ungute Suche nach ähnlichen Klischees.

Zum Zweiten: Unser Fünftklasslehrer Dambach gab einen andern Anstoß: In einem gemeinsamen Aufsatz sollten wir die Vorbeifahrt des Schnellzuges schildern. Er bestand darauf, dass eine genaue Beobachtung das Wichtigste für eine lebendige Beschreibung sei: Was ist das Erste, das den Zug ankündet? Unsere Vorschläge »Dumpfes Grollen, Kreischen, Vögel, die auffliegen« wurden entgegengenommen, aber erst seine eigene Beobachtung, dass nämlich zuerst die Fahrleitung zu schwingen begänne, führte uns vor Augen, was wahre Schriftstellerei ist. (Dass ich später herausfand, dass dem nicht so ist, tat Dambachs Lektion keinen Abstrich, im Gegenteil: Wer so eine Erfindung als authentische Beobachtung präsentieren kann, darf weiterschreiben.)

Zum Dritten: Im Gymnasium wechselte ich in einer Nacherzählung, eine Pflichtübung, die ich zum Gähnen fand, vom Präteritum ins Präsens. Grammatikalisch nicht richtig, aber, wie ich mich verteidigte, der Spannung dienlich. Lehrer Thomke beschied mir: »Wenn Sie dreimal eine Sechs schreiben, dann dürfen Sie sich solche stilistische Freiheiten herausnehmen, vorher nicht!«

Diesen drei Lektionen folgend, versuche ich noch immer, meine Stimme zu finden, Klischees nicht auf den Leim zu kriechen, sie aber auch nicht zu verachten, denn sie sind oft wirksam. Und Beobachtungen ernst zu nehmen, aber nicht der eigenen Fantasie unterzuordnen und, wenn ich mir sicher bin, auch mal über den »Dudenrand« hinwegzusehen. Dass diese Stimme etwas zu sagen hat, davon bin ich überzeugt, auch wenn ein ganz leises Stimmchen dagegenhält und piepst: »Wieso denn  ausgerechnet du?« Wenn dieses Stimmchen dereinst überhandnimmt, dann höre ich auf.