IN SACHEN COMPUTERKUSS UND MUSENCODE

Ulrich Land

Aufschlussreich, wie extrem unterschiedlich zwei Schreiber der gleichen Generation auf die neuzeitlichen Angebote an Schreibhandwerksvereinfachungstools reagieren. Obwohl wir doch beide »Digitalimmigrants« sind. Obwohl wir doch beide immer wieder mit Technik im beruflichen Alltag konfrontiert sind: Adrian Zschokke als Filmer und Filmemacher und ich als Radiomacher – Aufnahmeequipment und Laptop sind unser täglich Brot für den Broterwerb. Obwohl: Was heißt hier Brot? Wenn ihr den letzten Digital-Pen abgenagt, die letzte Datei aus dem Drucker genudelt, die letzte Maus geschlachtet, die letzte Tintenpatrone leergeschlürft habt – werdet ihr erst dann einsehen, dass ihr euern Laptop nicht essen könnt? Um den Rechthaber rauszukehren, der schon immer der eigentliche Cree-Weissager gewesen ist.

Also in Maßen technophil und in Unmaßen esophil, musengläubig, auch, ja. D’accord. Trotzdem: Ich käme nie auf die Idee, einen »Kerneindruck«, die inspirierende Gipfelreihe der Hohen Tatra, die schwätzenden Greise auf der Kaimauer in Savonlinna, die geigenden Saufkumpane in einem Dubliner Singing Pub, die Hexen auf dem Blocksberg – was oder wie auch immer mit der Handyknipse einzufangen, abzuspeichern. Fotografieren ja, für die Erinnerungs-, nicht aber für die Wörtergalerie.

Da würde ich immer denken: Wenn der »Kerneindruck« rasend schnell vorbeigefitscht ist, aber trotzdem den Weg zwischen die Buchdeckel oder ins Hörspielstudio finden soll, dann wird er mir schon wieder einfallen. Sobald ich ein Plätzchen auf der gegenüberliegenden Bank, auf dem Felsknubbel nebendran gefunden hab, um nicht bloß zu wischen, sondern einen Wisch mit dem Füller zu füllen, irgendein Karteikärtchen vollzukritzeln, um in der nächsten Wirtschaft meine Zettelwirtschaft auszubauen. Und wenn nicht, dann war erʼs wohl nicht »wert, so festgehalten zu werden.« Ein Monogramm in den Hintern beiß ich mir allerdings jedes Mal, »wenn der Computer eine Datei einfach verschwinden lässt.« Nein, dem Sausack gesteh ich zwar eine Seele zu (mindestens die seiner Konstrukteure, wenn nicht gar… aber lassen wir das), auf keinen Fall aber eine göttliche Schicksalshaftigkeit. Schlichte Eins-Null-Reihen haben nicht darüber zu verfügen, was von unserm Geschreibsel das Recht hat, über den Tag, den Augenblick hinaus aufgehoben zu werden. Sicher, auch den Hass gegen solche Fallouts kann man Faulheit nennen: Ich sehe es einfach nicht ein, dass ich noch mal die gleiche Chose von vorne … Selbsterklärend, oder? Wie ein gutes Schreibprogramm.

Wenn aber ein Schreibprogramm zur Schreibprogrammatik wird, wenn dieser künstlich intelligente Bestseller-Code-Blink recht hat, will ich keinen Bestseller schreiben. Wenn ich ehrlich bin, natürlich doch, aber natürlich anders, natürlich viel besser, natürlich eigenständig… »Ein zuverlässiger Bestseller-Algorithmus« würde mir den Rhythmus versauen, behaupte ich mit stolzgeschwellter Brust, würde mich achtkantig rauskicken aus dem schreibenden Gewerbe. Ein Nonsens, ein Bullshit. Hält nicht mal her als Kriterienkatalog für die Verleger und Verlegerinnen, die rote Karte zu zücken und uns Schreiberleuten entgegenzustrecken – da bin ich ganz bei Adrian und seinem ironischen Biss. Diese fünf, sechs »Blink-Gebote«, geh ich verschärft von aus, beherzigen die Fitzeks und Schätzings dieser Welt mitnichten.

Auch die gieren nach den Assen im weiten Ärmel oder im Ausschnitt der Musenbusen. Hundertpro! Wobei ich die Musenküsse, (fast) ehrlich gesagt, hasse. Die Biester kommen dermaßen erratisch, immer im falschen Augenblick, immer knapp daneben, also auch vorbei, unangemeldet auf Schlingerkurs durch die Gegend, durch meine Magengegend mäandrierend. Blitze aus heiterem Himmel, dass ich nie vernünftig (und unvernünftig auch nicht) gewappnet bin. Einfach kein Verlass drauf.

Ergo: Warum eigentlich nicht die Handykamera bemühen? Um zum Beispiel den nächsten Musenbusenkuss zu knipsen. Warum um diesen heißen Technikbrei herum diesen Regenbogen machen?

Weil man sich was Bessres dünkt? Und selbst wenn man das grade mal nicht tut, mit dem blassen Understatement doch nichts als eine Strategie des Compliment-Fishings verfolgt. Jeder will der Beste sein, mit und ohne Bestseller-Evangelium, Musenküsse, neuestes Thesaurus-Update. Geb ich ja zu. Und weiß die Evolutionsbiologie auf meiner Seite, die da sagt, dass es bei allem, was wir Männer so treiben, eigentlich, recht eigentlich immer nur um das eine geht: Wer darf an die meisten, besten, schönsten Weibchen ran? Wer setzt sich durch mit seinem Genpool? Arbeit (hat das nicht schon olle Freud gesagt?) ist verdrängte Sexualenergie. Umso mehr die Schreiberei. Und ist das ein Vergehen? Kann denn Liebe Sünde sein?

Adrian Zschokke

Da hat sich ein kleines Missverständnis eingeschlichen.

War zwei Wochen unterwegs im Balkan. Kosovo, Montenegro, Nord-Mazedonien, (was für ein lächerlicher Name, den die Griechen da durchgeboxt haben, aber der Nationalismus in den  besuchten Gebieten ist ohnehin kaum zu überbieten. Angesichts der hymnischen Verehrung unserer Nazi (so nennen wir die Nationalmannschaft), wenn sie gewinnt, und ihrer Verdammung wegen fehlendes »Tellentums«, wenn die Gladiatoren verlieren, ist die Schweiz zwar auch nicht verschont davon. Das musste einfach raus. Das Missverständnis jedoch ist ein anderes: Ich wäre durchaus bereit, mit Notizblock und Bleistift, – um auch diesem seinen gebührenden Platz einzuräumen –, Gedankenblitze festzuhalten, hab’s auf obiger Reise mal wieder versucht, denn mit Kamera und Stativ mag ich den Schlapptop nicht mitschleppen, obschon für die Neuen, Federleichten dieser Kalauer kaum mehr angebracht ist, ein Moleskine Notizbuch – zum Füller muss es schon so etwas sein – wiegt auch bald so viel. Item, wir redeten mit vielen mehrsprachigen Albanern. Ich wollte mir die Füllwörter notieren, die ihnen häufig in ihre sonst ausgezeichneten Antworten einflossen. So etwa »eigentlich« oder »quasi«, das einer von ihnen oft leicht verquer in seine Sätze einfügte. Und ich notierte diese Manierismen. Bei der Rückreise ist es mir mein Zettel irgendwo abhandengekommen, und nun versuche ich mich verzweifelt daran zu erinnern, denn eine meiner Figuren sollte so sprechen. Die ganz knapp danebenliegende »Wortverwendung« und auch andere kleine Ausreißer in seinem Deutsch kann ich vorläufig nicht mehr rekonstruieren.

Damit zum Missverständnis. Ich fotografiere nicht den Gedankenblitz, wüsste auch nicht wie, Hirnscanner gibt’s noch nicht mal im I-Phone, auch nicht bei der chinesischen Konkurrenz. Ich versuche Anspielungen zu erfassen, Allusionen, um meiner Erinnerung auf die Sprünge zu helfen. Würde nie die verknoteten Hände der Oma aus dem letzten Beispiel (Während ich über Tränen brüte, knotet die Oma gegenüber ihre Hände.) fotografieren, denn die Wortfindungen sollen immun gegen bildnerische Darstellung sein, sie sollen Bilder evozieren. So viel zur Klärung.

Dann ein Einwand gegen die Eins zu-null-Reduktion der hilfreichen Rechner. Eins zu null – das gilt heute bloß noch bei Fußballresultaten. Im richtigen – computergenerierten – Leben  😉 sind wir schon bald bei den Quanten-Computern angelangt, wo ein Qbit jede mögliche Position zwischen Eins und Null einnehmen kann. Aber selbst ohne diese: Habe eben ein spannendes Buch gelesen »Die Kunst der Zukunft«: https://www.suhrkamp.de/buch/hanno-rauterberg-die-kunst-der-zukunft-t-9783518127759.

Ohne Zusammenfassung (Es lohnt ich, die 200 Seiten vollständig selbst zu lesen!) kann ich so viel sagen: Auf jedem Gebiet, auf dem die Kreativitätler oder Selbstlerninstruktorinnen forschen, machen die Algorithmen unglaubliche und unerwartete Fortschritte. So gabʼs ein Konzert mit Chorälen von Bach, bei dem das Publikum anschließend beurteilen sollte, welche vom Großmeister selbst stammten und welche vom »Bachorismus«. Niemand konnte es. Nun werden Skeptiker einwenden, Bach sei ohnehin ein sehr mathematischer und formalistischer Komponist. Aber dasselbe Szenario wiederholte sich mit Strawinski. Bei Bildern ebenso; kein Kunstexperte vermag mehr einen wahren Rembrandt von dem computergenerierten Portrait des Algorithmus »the next Rembrandt« zu unterscheiden.

Das konnte ich mit eigenen Augen »überprüfen«: Zurück aus dem Balkan fuhren wir nach Venedig. Wir schlossen uns einer Führung nach San Giorgio an, wo die Benediktiner Abtei wunderbar restauriert worden ist. Da gibt es in der Bibliothek ein Gemälde von Veronese, 7 mal 10 Meter, ein Riesenschinken: »Die Hochzeit von Kanaan«. Wer sich nahe genug davor stellt, sieht die Struktur der Pinselstriche, die Textur der Leinwand, obwohl das alles »bloß« eine 3D-Reproduktion ist, weil Napoleon, als er Venedig einnahm, das Bildchen mit nach Frankreich nahm, wo es heute im Louvre zu besichtigen ist. Gleichwohl sagen Experten, dass die Reproduktion in San Giorgio »echter« sei, weil sie neben der perfekten Wiedergabe auch am originalen Ort hängt.

Nun haben sich die Kreatorinnen der künstlichen Intelligenz auch der Literatur angenommen. Bereits kann man seine Texte zu Essays von beispielweise Dylan Thomas oder Joyce umwandeln lassen. Habe es noch nicht ausprobiert, aber wartet nur, bald 😉.

Was mich im Übrigen nicht traurig macht, auch nicht verzweifeln lässt. Ich bin nach wie vor der Ansicht: Was ich schreibe, meine Intuition, was immer mich in den Fingerspitzen kitzelt, mich aus dem Schlaf  an den Computer ruft, es ist nicht mein Verdienst.  Joan Hartfield sagte: »Der kleine Kopf (des Künstlers) produziert nicht den Inhalt seiner Schöpfungen, sondern verarbeitet wie ein Wurstkessel das Weltbild seines Publikums.« Ich meine mit Schönberg: Kunst kommt von müssen. Sie ist da, und wenn sie mich ruft, dann merke ich auf.

Es ist nicht meine verzweifelte Suche nach Anerkennung, nach dem schönsten Weibchen (das habe ich Freud noch nicht mal mit notgeilen sechzehn Jahren abgenommen). Es ist auch nicht meiner Disziplin geschuldet, so gerne ich das als aufrechter Protestant behaupten möchte. Es ist eine Mischung aus Lauern, Dahindämmern, aus Beten vielleicht oder Meditation. Und wenn der Musenkuss dann kommt, dann nehm ich ihn gerne an, gerade auch, wenn er etwas daneben erscheint. Damit kann ich arbeiten, daran feile ich. Wie mir mal ein erfahrener Kameramann gesagt hat: »Wenn du eine gute Einstellung gefunden hast, musst du nochmal ganz leicht ans Stativ kicken, dann gelingt dir – vielleicht – das perfekte Bild.«

UND IMMER WIEDER DER FÜLLER – IN SACHEN SCHREIBGERÄTE NOCH MAL

Ulrich Land

Noch mal eine kleine Laudatio auf den guten alten Füller: Ich behaupte steif und fest: Tatsächlich fließen die Tintenflüsse anders und geschmeidiger als noch das flüssigste Geklimpergeklapper auf der Tastatur. Es ist wirklich anders. Ich brauche, wenn ich fiktional vor mich hin schreibe, also auf Erfindung aus bin (nicht auf Konstruktion wie bei meinen Radiofeatures), immer zwei Stühle. Auf dem einen den Allerwertesten, auf dem andern die Quanten geparkt. Das Klemmbrett mit Papier (karierte DIN A4-Ringbucheinlagen, wie gesagt) auf den angewinkelten Knien, den Füller im Anschlag. Um mich rum ein unsichtbarer Kokon aus Luft und Fantasie (wenn ich so pathetisch ausnahmsweise mal sein darf). Und die Worte – noch mal pathetisch – gleiten aufs Papier. Nie so flüssig wie in dieser Konstellation, Installation. Doch! Noch flüssig-geschmeidig-gleitender geht’s im Zug. Das ist echt der Gipfel (vgl. auch die »Nachgefragt«-Rubrik auf der KaMeRu-Seite): Wenn ich auf dem Abteilsitz hocke, die Landschaft rauscht vorbei, das Handy hüllt sich in Schweigen, der Laptop hockt zugeklappt im Rucksack – was will mir da einer?! Keinereiner, da hat nur der Füller sein Recht. Und zwar zu Recht. Können die Leute nebendran quasseln, wie und was sie wollen.

Also: Ich hänge am Füller nicht aus rückwärtsgewandtem Traditionalismus und nicht aus affigem Standesdünkel, sondern einfach weil es ihn gibt. Und weil er weiß, wie man Tinte bändigen und fließen lassen kann, der alte Kleckser.

Der Computer ist ein Segen.

Und er hat eine Seele. Obwohl nie grantig, extrem geduldig, macht er doch mitunter, was er will. Er lässt sich feiertags zu nachtschlafender Zeit aufwecken, ohne zu meckern, hat aber einen Heidenspaß daran, wenn er Textschnipsel aus einem Dokument in ein anderes zu tragen hat, dabei die Formatierungen aber so was von zu »versemmeln«. Aus (mir jedenfalls) unerfindlichen Gründen. Schleppt Schrifttypen ein, die ich vorher gar nicht kannte. Oder löscht wahllos hier und da Leerzeichen, wenn ich irgendeine Textdatei durch die Gegend gemailt hab und sie wieder in meinen Rechner zurückflattern. Für diese Eigenwilligkeit schätze ich ihn. Für das stets und ständig und unverdrossen geschwungene Damoklesschwert des Absturzes, das er überm Schreibtisch kreisen lässt, klar, dafür hasse ich ihn. Wer nicht. Da bin ich vier-, fünfmal gebranntes Kind. Hatte ich keineswegs fertig, da hat er mich fertig gemacht, der Drecksack von einem Datenklauber. Ich weiß, ich sollte nicht zu laut zetern. Dreimal auf Holz klopfen, der Kiste über die Stirn streicheln. Wird gemacht. Und weitergetippt, als wär nichts gewesen.

Ein Segen jedenfalls, dass er an Tagen wie diesen so brav und widerspruchslos als Bastelgerät bereitsteht. Was mir besonders als Radiomacher das Leben – gegenüber Schreibmaschine, Durchschlagpapier, Tipp-Ex-Streifen, Schere, Kleber – extrem erleichtert. Mausklick, rapp zapp, gecopyt, gepastet, deletet. Kreuz und quer, über die Tellerränder der verschiedensten Dateien hinweg. Und kein Schwein sieht’s nachher. (Abgesehn von – siehe oben…)

Ein Segen freilich auch im literarischen Getümmel. Denn, versteht sich, das kenn ich auch, dass der PC wie von allein die grade erst vollgetextete Seite, die frisch verzapften Sätze, souverän fix getippten Wörter hauschnau zerkleinert, zersplittert, die schönsten Silbengirlanden zerfetzt, in Wohlgefallen auflöst. Um die Chose an anderer Stelle in anderen Kontexten wieder und neu zu platzieren. Irgendwie. Da vergesse ich manchmal, welchen Mausbefehl ich eigentlich gegeben hab. Da ist der Computer ein absoluter, ein unerreichter Meister seines Faches. Wenn es darum geht, Buchstabenturmtrümmer zu händeln, da ist der Guteste virtuoser als ich. Neidlos anerkannt. Möchte ich nicht missen. Könnte ich gar nicht. Nicht mehr.

Aber wenn’s ums Erfinden von Geschichten geht, ums Fantasieren und Fabulieren, nee, da hat das Ding bei mir nichts zu melden.

Erst in zweiter Instanz. Das Abtippen ist dann schon ein Korrektiv. Und bei allen weiteren Verbesserungsphasen ist der Rechner unhinterfragt und über jeden Zweifel erhaben der Champion. Aber erst dann. Beim Erstinken und Erlügen, beim Ausdenken und Ausmalen bin ich mit meinem Füller und mir allein. Und genieße genau das. Meine Romantik des Schreibens. Das heißt natürlich überhaupt nicht, kein bisschen nicht, dass das, was dabei rauskommt, schon fertig hat, geschweige denn genial-groß-geworfen wäre. Frag meinen PC, der kann da ’n Lied von singen.

Adrian Zschokke

Dieses Hohelied auf den Füller ist berührend. Kaufte mir sofort einen neuen… um gleich auf meine Gegenposition zurückzufallen. Das Wohlgefühl, das sich nach einer Weile einstellte, als ich noch mit Tinte schreiben konnte/musste, wollte und wollte nicht kommen.  Obschon ich mich an die Schreiblektionen in unserer Schule erinnerte und die entsprechenden Lockerungsübungen machte, der Krampf stellte sich vorher ein. Und das Gekritzel war einmal mehr unleserlich.

Ich war aber nicht ganz ehrlich bezüglich meiner guten Einfälle, die ich leichtfertig verblassen lasse, wenn ich nicht zu meinem Computer komme. Ich versuche ein Bild zu machen, bevor alles in Vergessenheit gerät. Heute hat man ja dank Handy immer eine Kamera dabei. Während ich also im Zug über Trauer nachdenke – mein Held musste eben seine Katze einschläfern -, fällt mir der Satz zu: »Während ich über Tränen brüte, knotet die Oma gegenüber ihre Hände.«,den ich am Computer noch bearbeiten will.  Also, was tun? Ich schaue aus dem Fenster. Draußen klatschen aus dem trostlosen Grau immer mal wieder ein paar verlorene Tropfen auf die Scheibe. Die knipse ich, in mehreren Varianten, traue darauf, dass die Anspielung sich in meinem Hirn festsetzt. Und wie man sieht, ist mir der Satz nicht abhandengekommen.

Ich bin wohl einfach technophil. Und, ich gebe es zu, auch immer etwas esophil, musengläubig. Wenn mir doch etwas verlorengeht, sei es, weil ich es nicht mit dem Handy oder sonst einer obskuren Technik fixiert habe, dann – schließe ich, dass es nicht wert war, so festgehalten zu werden, besonders auch, wenn der Computer eine Datei einfach verschwinden lässt.

Denn das hat tatsächlich etwas Mystisches. Im Shintoismus haben nicht bloß Menschen oder Tiere, sondern alle Dinge ihre Seele. Das gefällt mir, überzeugt mich. Und diese Maschinenseele zwingt uns zur Neuschöpfung. So empfinde ich – nach nachhaltigem und wildem Fluchen, selbstverständlich – meine Aufgabe, einen Geistesblitz neu zu formulieren anstatt stundenlang in unergründlichen Datenstapeln von Word, oder gar noch tiefer im Betriebssystem, zu suchen. Man kann das Faulheit nennen. Oder auch nicht.

Von Rossini, dem Musiker und Gourmand weiß man, dass er manchmal im Bett komponierte. Wenn ihm eine Manuskriptseite herunterfiel, so stieg er nicht aus dem Bett, – seine berühmte Leibesfülle stand ihm auch im Weg. Er schrieb die Passage einfach neu. Und das tat seinen Meisterwerken wahrlich keinen Abbruch.

Und da auch wir nur Meisterwerke oder – wenigstens – Bestseller schaffen wollen, habe ich mir  »Der Bestseller-Code« von Jodie Archer und Matthew L. Jockers

heruntergeladen. Natürlich auf Blinkist, der App, in der auch der alte Plato auf ein 14-minütiges Häppchen zusammengefasst wird. Ich will ja schließlich so schnell wie möglich berühmt und meisterhaft werden.

In diesem Blink lernt man, wie man zu mit 97%-iger Sicherheit den nächsten Renner schreibt 😉. Dass die beiden Autoren das bislang ex post feststellten, ist vielleicht eine kleine Minderung ihrer Glaubwürdigkeit, aber ich will doch diese Rezepte, die sie dank KI herausgefunden haben, niemandem vorenthalten.

Wir merken uns: Intensive emotionale Spannungsbögen sind ein Schlüsselelement eines Bestsellers.

Wir merken uns: Wer einen Bestseller schreiben will, soll ausgefallene Formulierungen vermeiden und einen einfachen Sprachstil wählen.

Wir merken uns: Weibliche Autoren haben punkto Stil mehr Erfolgschancen, weil sie eine klare Sprache bevorzugen. (Sorry, das hilft uns beiden nun wirklich nicht weiter 😉)

Starke Figuren sind stark – besonders wenn sie im Titel schon vorkommen.

Interessante Themen sind die allerwichtigste Zutat für einen Erfolg – und das allerwichtigste Thema ist Verbrechen.

Schließlich: Für Verleger ist es schwierig, einen Bestseller vorherzusagen, besonders, weil literarische Qualität nicht ausschlaggebend ist.

Aber: Ein zuverlässiger Bestseller-Algorithmus könnte die Zukunft der Verlage sichern. Nun, da bin ich ja beruhigt.

Wir wissen nun also, dass wir nur den zuverlässigen Algorithmus finden müssen, und schon klappts mit dem nächsten Bestseller. Diese Bestsellertechnik-Suche gibt’s wohl schon seit Urzeiten. Ich vermute, dass schon der griechische Tragiker Adabeisis geflucht hat, weil ihm ständig Aischylos vor dem Licht stand und viel dafür gegeben hätte, eine solch patente Methode anzuwenden. Weil er sie nicht kannte, wissen wir heute halt nichts von ihm.

Aber, und hier kommt meine Musengläubigkeit wieder zum Zug: Ob nun die Musen Kalliope oder Melopomene oder eine andere gerade Dienst haben, sie lassen sich von künstlicher Intelligenz nicht so einfach schlagen und haben immer noch ein As im weiten Ärmel, dass sie nach ihrem Gutdünken dem richtigen, dem wahren Sucher zustecken.

IN SACHEN KERNEINDRÜCKE UND TREAMENT

Ulrich LAND

Ja. Definitiv. Ohne Kerneindrücke geht es nicht. Nie und nimmer nicht. Die Schreiberei entsteht nicht aus dem luftleeren Raum. Auch die von Arno Schmidt nicht. Auch wennʼs in seinem Fall nicht so offensichtlich ist. Aber vielleicht sind wir ja genau deshalb in den Jahrzehnten nach ihm wieder gewaltig hinter ihn zurückgefallen. Haben wieder angefangen, mehr und erkennbarer zu erzählen. Haben versucht, das Experimentelle mit dem Realen zu verbinden. Es geht uns – jedenfalls der größten Zahl zeitgenössischer Schreiberlinge, behaupte ich mal – wieder um Geschichten. Auch der durchaus nervige Boom des Wortes »Narrativ« in allen Lebenslagen spricht diesbezüglich Bände. Der reine Stream of Consciousness hat offensichtlich ausgedient. Ist uns zu langweilig, zu anstrengend. Die reine Abstraktion, die reine Übung. Wir wollen leben und erleben, wenn wir lesen.

Und das geht nur, wenn ein Erleben dahintersteht. Natürlich müssen wir nicht in der Pfanne gebrutzelt haben, um zu wissen, was ein Schnitzel ist. Wir müssen uns nicht im Boxring ins Jenseits boxen lassen, um übers Boxen zu schreiben. Hier irrte Herr Gallico. Sehen geht auch. Oder lesen natürlich. Oder sich ins Kino setzen. Aber klar: Erleben ist am lebendigsten. Zumindest selbst in Augenschein nehmen. Kerneindrücke überall, woʼs nur geht, sammeln und einsammeln. Ob im Goldbergwerk, in der U-Bahn, auf dem Gletscher, unter Wasser, in der Wüste. Alles wichtig, alles literaturverdächtig.

Ich zum Beispiel zehre seit fast einem halben Jahrhundert von meiner ersten Finnlandreise.

Wo gibtʼs Gegend ohne Ende, die mit dem Interrail-Ticket grade noch erreichbar ist? Über Europas Eisenbahnnetz diesseits der Warschauer-Pakt-Grenze kreisend, landete der Finger auf der Landkarte Kareliens. Ich zog mit zwei Kumpels los. Benzinkocher, knallgelbes Hundehüttenzelt, der Blechbecher meiner Großmutter. Wir liehen uns im tiefsten Finnland ein baufälliges Ruderboot, flickten es mit Draht und vier Holzschrauben und stachen in See. Wald, Felsen und immer neue, glasklare Seen. Ein Traum! Wir paddelten überglücklich über die ostfinnische Seenplatte und gaben jedem Eiland, das wir ansteuerten, stolz einen unserer Namen. Und waren der festen Überzeugung, immer weiter in die Wälder gen Norden zu fahren. Bis wir bemerkten, dass das vom Sonnenstand her beim besten Willen nicht hinkommen konnte. Der Nachtzug hatte auf der Hinreise mit uns eine 180° Kehre vollzogen, ohne dass wirʼs gemerkt hätten. Unsere Orientierung war völlig auf den Kopf gestellt, und wir ruderten statt hinein in die Taiga aus ihr heraus. Dem Genuss der Wildnis tat das nicht den geringsten Abbruch. Auch Südfinnlands Wälder und Seen wirken auf frisch gebackene Abiturienten wie Welten grenzenloser Freiheit.

Von den bei dieser Tour gesammelten Eindrücken – immer wieder bestärkt und bestätigt durch jede weitere Finnlandreise – habe ich Jahre und Jahre gezehrt, hab sie in zwei Hörspielen verwurstet und zuletzt in meinem »Krätze«-Krimi, den ich eben wegen dieser nicht verblassen wollenden Kerneindrücke genau dort hab spielen lassen. Und selbstredend flossen mir die Beschreibungen der Welt dort oben schneller aus der Feder, als ich drüber nachdenken konnte. Locker übersetzt aus dem Sommererlebnis seinerzeit in Wintererlebnisse.

Ohne die eingravierten Bilder, Einstellungen, Fantasien auf der tiefsten meiner Festplatten würde ich den Füller nicht in Fahrt bringen können. Eben weil, ja, stimmt, weil das Schreiben genau zwischen Traum und Wirklichkeit rangiert. Es ist, als wache man just auf: Man hat den Traum noch an der Leine, kann grad noch drauf zu(rück)greifen, aber die ersten (un)scharfen Gedanken sind schon unterwegs. Auf der wackligen Brücke ins Diesseits. Und genau dieser Schwebezustand, diese Zwitterkerneindrücke schreien danach, aufgeschrieben zu werden. Und rangieren, klar, auch beim Lesen zwischen Traum und Wirklichkeit. Literatur ist der inszenierte Tagtraum.

Deshalb kann ich nicht einschlafen, wenn auf meinem Nachttisch nicht Zettel und Bleistift bereitliegen.

Und die Frage Treatment – ja oder nein –, also dezidiertes Konzept vorher oder der geniale Wurf aus dem Nichts – die Frage ist wie so vieles im richtigen und im schreibenden Leben eine Frage der Dialektik. Ein Sowohl-als-Auch. Natürlich schreib ich für mein Leben gern einfach drauf los – insbesondere bei Gedichten, keine Ahnung, welchem Impuls ich da folge – und schau zu, wie die Tinte in welchen Mäandern aus dem Füller fließt. Lass einfach laufen, lass mich und meine Schreiberei treiben, setz mich mit Begeisterung auf die gespreizten Flügel des Pegasos und mindestens ebenso gern auf die der Wildgans wie weiland Nils Holgersson. Aber ich gebe zu, ich finde das, was dabei rauskommt, nicht immer genial. Nicht immer fangen die Buchstaben an, Tango zu tanzen. Und deshalb sind mir (nicht unbedingt ein ausgewachsenes Treatment, aber doch) Konzeptkritzeleien durchaus willkommene Krücken. Nachttischnotizzettel, Entwürfe auf Bierdeckelgröße oder auf meinem Lieblingspapier: DIN A5 kariert.

Und wenn dann die Geschichte so ihrer Wege geht, gibt es einen bestimmten unbestimmten Punkt, wo man sich das Ende überlegen, eine Art Zielführung, umʼs hochtrabend zu sagen, ins Visier nehmen muss. Sonst ufertʼs, weiß der Teufel wohin, aus. Worst Case: in die Beliebigkeit.

Alles Weitere muss dann dieses (eben dialektische) Hin und Her aus Schielen auf den Konzeptbierdeckel und munter flottierender Fantasie haben, aus Freischüssen und Konzentration, aus Spitzwinkel und Weitwinkel, aus einerseits und andererseits. Wenn das Schreiben nicht diese Selbstüberraschungen bietet und in stupides Ausbuchstabieren, Abarbeiten des Treatments ausartet, dann ist der »Zitsch« weg. Die Mühsal kommt sowieso, kommt später, wenn manʼs in welchen Rahmen auch immer einpassen muss. Aber erst das Spiel, dann die Arbeit. Und das Hin, das Her. Läuft.

Adrian ZSCHOKKE

Vielleicht habe ich einfach zu wenig Fantasie. Deshalb der Hunger nach Erlebnissen. Dabei habe ich natürlich gut lachen. Noch bin ich recht gesund und kann neue »Abenteuer« planen. Klar, die Berge, die ich erklimmen will, werden niedriger, die Flüsse, die ich überquere, ruhiger, aber ich lasse mich noch immer gerne von Steilhängen, von irgendwelchen Torturen verführen, bloß, um am Ende leicht enttäuscht über die Banalität meiner Leistung zu sein. Und dann setze ich mich an die Böschung und sehe eine Hummel auf der Blüte einer Margerite, auf der sie eigentlich unmöglich landen konnte. Denn bekanntlich kann die Hummel nach den Gesetzen der Aerodynamik gar nicht fliegen, bloß weiß sie das nicht.

Und so kann man/frau auch ohne Kerneindrücke schreiben.

Ich habe vor einer Buchhandlung ein querschnittgelähmtes Mädchen in einem Rollstuhl getroffen, die  mir ihren Krimi verkauft hat. Da gingʼs zu wie bei James Bond und, auch wenn ich jetzt etwas pathetisch werde, ihre Augen blitzen fröhlich und ich war sehr betreten.

Zur Mühsal bei der Abarbeitung der Füllerflüsse komme ich später. Erst aber zum Füller: Wie oft schon habe ich mir einen Füller gekauft, weil das zu meinem Bild des Schriftstellers gehört wie Whisky oder sonst ein alkoholisches Gebräu. Bei Letzterem bleibt bei mir nach kurzer Euphorie maximal eine Seite übrig, die ich nach dem Kater meist wegwerfe. Und beim Füller bleibt entweder eine – für meine Verhältnisse – sorgfältig kalligraphierte Seite ohne genügend Schärfe, ohne Präzision, weil es mir leidtut, ein schön hingeschriebenes, aber falsches Wort oder eine verschmierte Kritzelei, die ich nur mühsam entziffern kann, zu streichen. Jetzt besitze ich eine Sammlung von Füllern, die immer im falschen Moment ausgetrocknet sind. Mein Motto heute bei genialen Einfällen: Wenn ich sie nicht bis zum nächsten Computer behalten kann, so waren sie nicht genügend wichtig. Natürlich frage ich mich ab und zu: Wie viel wertvollste Gedankensplitter gingen so verloren? Aber auch dazu später.

Das Mobiltelefon als Notizgefäß hat zwar etwas von der Bierdeckelromantik zurückgebracht, mit der automatischen Korrektur gibt’s zudem manchmal schöne oder lustige Überraschungen, aber sonst: Ohne Computer würde ich nicht mal ein Nichts zustande bringen. Denn nur hier kann ich vorwärts, rückwärts löschen, einen Splitter kurz nach unten oder oben schieben und neben einen andern Satz stellen, bis er wie ein Puzzleteil schließlich am einzig richtigen Platz zu stehen kommt.

Zurück zur Mühsal. Mein erwähnter ineffizienter Überschreibungsprozess, das noch- und nochmaliges Korrigieren, geht irgendwann – und da beginnt die Endphase – von  zäher Mühsal in ein großes Vergnügen über. Wenn plötzlich der hinkende Rhythmus stimmt, weil ein überflüssiges »gar, je, und, aber, auch« etc. wegfällt. Wenn ich  merke: Ach so, ja, so ist gut. Oder wie der große Poet Trapp formulierte: »Ich habe fertig.«

Dazu mal wieder »Anekdoteles« (nicht von mir, leider): Einer meiner Krimis war in der Endphase. Ich gab ihn einer Freundin zu lesen mit dem Vorbehalt: »Wie ich die losen Enden verbinden will, ist mir noch nicht ganz klar«.  Sie gab mir den Text nach zwei Tagen zurück, begeistert zum Glück, und sagte: »Ist doch gut so, lass den Roman hier enden.«

Wir müssen mehr Zuversicht entwickeln. »Gottvertrauen« wage ich es nicht zu nennen, da platzt zu vielen der Kragen. Vielleicht Musenvertrauen? Jedenfalls: Wer geduldig bleibt und seinen aufgebauten Buchstabenturm immer neu zerstört, bis sich wichtige Gedankensplitter und Trümmer von selbst zur einer Komposition fügen, der braucht sich vor der Beliebigkeit nicht zu fürchten.

Dazu zwei Meister ihres Fachs:

Fellini hat mal ungefähr Folgendes erzählt: In einer Stofftapete suche er einen losen Faden. Den ziehe er vorsichtig heraus, bis er ein ganzes Knäuel habe. Mit diesem Knäuel spiele er so lange, bis es die Form angenommen habe, die ihm angebracht scheine. Dies sei dann seine Geschichte.

Und Michelangelo meint: »Die Figur war schon in dem rohen Stein. Ich musste nur noch alles Überflüssige wegschlagen.«

Alles etwas zu esoterisch? Arnold Schönberg meint: »Kunst kommt von müssen.«

Man mag Vorbehalte gegenüber Schönbergs Kunst haben, aber darum geht es nicht: Der Drang, etwas zu kreieren, ist schon die Kunst. Das gelungene Resultat ergibt sich aus der Zuversicht, die Musenküsse nicht zu verpassen, und der Beharrlichkeit, sie zu bearbeiten.

Damit übergebe ich nochmals an Giovanni Trappatoni: »Ich habe fertig!«

TREATMENT

Ulrich LAND

Die eigene Masche

Bin hängengeblieben bei diesem Bonmot: »Wer einen eigenen Stil kreiert, hat nichts zu erzählen.«

Ein Satz, eine Setzung, eine ärgerliche Irritation. Ein Hammer, ehrlich gesagt. Haut jedem vor den Kopp, der versucht, die eigene Masche zu stricken. Jedem, der sich nicht im Mainstream verströmen will.

Und doch merke ich, je mehr ich mich drüber aufrege, dass was dran sein könnte. Zumindest indirekt. Von hinten durch die Brust ins Auge gewissermaßen. Was, um der Wahrheit die Ehre zu geben, stimmt, ist, dass ich mich ab und zu dabei ertappe, mich sprachspielmäßig zu »verkünsteln«, weil mir der weitere Verlauf des Plots grad nicht einfallen will. Das war vor allem in meinen frühen Schreiberlingsjahren der Fall, wo ich seitenlange Storys verzapft habe, ohne dass irgendwas passiert wäre. Weil ich einfach nicht wusste, was hätte passieren sollen.

Irgendwann dann wusste ich, es muss was passieren!

Ich will, dass was passiert. In meinen Geschichten, in meinen Gedichten, in meinen Stücken. Und habe dann aber trotzdem sicher noch mal hundert Jahre gebraucht, um mich auf das Handwerkszeug der Drehbuchschreiber einzulassen. Da gibt es ja eine Art Zeichenbrett, man nennt es auch »Treatment«. Man könnte es auch »Handlungsablauf« nennen, wären da nicht noch die zusätzlich vorzuzeichnenden Profile von Personen und Schauplätzen. Egal. Jedenfalls eine »Vorab-Skizze«. Eine verdammt nützliche Einrichtung. (Außer bei Gedichten, da bleib ich dabei, guck zu, was mir aus dem Füller fließt.) Aber bei längeren Texten, wenn’s mir gelingt, mich zum Abfassen dieses Treatment ohne jedes Rumfabulieren zu disziplinieren, dann läuft es. Lernt die Handlung, die Erzählung das Laufen. Hat man plötzlich was zu erzählen. Hört sich zwar nicht nach grandios kreativer Schöpfung aus dem Nichts an, sondern nach zäher Arbeit, das Verfahren, nach gestrenger Linierung, ist es auch, aber plötzlich weiß man, wohin die Reise geht. Schon mal nicht schlecht. Und dann sieht man weiter.

– Aber – wo war ich noch mal losgelaufen?

Adrian ZSCHOKKE

Warum eigentlich lesen und schreiben?

Soweit ich zurückdenken kann, empfand ich die Realität immer als etwas zu flach oder zu flüchtig. Oder einfach eine -tät von vielen. Was ich las, was ich träumte, beschäftigte mich mehr, als ob ich nun klatschnass wurde, weil ich mal wieder die Jacke vergessen hatte.

Oft schien mir, ich würde nur wahrhaftig leiden, trauern, mich freuen, lieben können, wenn ich mein Erlebnis aufgeschrieben fand.

Doch ohne Wirklichkeit kann man auch nichts beschreiben. Paul Gallico, Journalist und Schriftsteller, hatte eine klare Meinung dazu: Für eine Reportage über einen Boxkampf trat er einst gegen Weltmeister Jack Dempsey an, um nach 97 Sekunden mit blutender Nase flach auf der Matte zu liegen. Obschon er schrieb, dass er diese Methode nicht zur Nachahmung empfehle, mir wurde er zum Vorbild.

Ich sammelte also Situationen, Kerneindrücke. Mit 17 etwa, beim Autostopp in Deutschland, mitten in der Nacht, es regnete, ich war klatschnass, ohne Geld, ohne Essen, da kaute ich grüne Weizenkörner, die ich von den Ähren riss. Das buchte ich ab unter »Entbehrung« und »Überleben«…

Dank meines Reporterberufes konnte ich später unterschiedlichste Erfahrungen sammeln, bei 50° in Iran etwa oder bei 28 Minusgraden in Weißrussland, auf 6000 müM in Chile oder in 1000 m unter der Erde in einer südafrikanischen Goldgrube. In Kriegen, in Luxusvillen und in Slums. Ich hoffe, wenigstens ein paar dieser Erlebnissein meine Bücher zu kondensieren, denn vor lauter Sammeln ging das Verarbeiten unter…

Dann las ich einen wunderbaren Roman von Flaubert: Bouvard et Pécuchet, und erfuhr, dass Flaubert in seinem Bestreben, alles realistisch zu beschreiben, nicht mehr zu Rande kam mit seinem Buch – der Roman erschien schließlich postum. Das erscheint mir bewunderns- und auch liebenswert, würde ich jedoch genauso wenig zur Nachahmung empfehlen wie Gallicos Rezept. Eine kurze Anekdote dazu: Bei einem Bericht über Winterreifen, beklagte sich unser Protagonist, ein Garagist, bei mir – ich verkörperte für ihn alle Aspekte der Fernsehproduktion – : »In einem Krimi war letzhin eine Verfolgungsjagd, Polizisten hinter einem Ford Mustang her. Und die haben einen 64er Mustang gezeigt, aber der Sound des Motors, das war ein 6-Zylinder, den gabs erst 65, das kann man doch nicht machen!«

Wer soll oder kann solche Finessen alle erfassen?

Strikte Regeln und Werkzeuge sind hilfreiche Krücken – für eine gewisse Zeit. Das gilt auch fürs Treatment, der aktuell heiligen Kuh in der Schriftstellerwerkstatt. Auch dazu eine Anekdote: An einem Drehbuchseminar mussten alle ihre Treatments vortragen. Meine Sitznachbarin präsentierte das ihre, perfekt, die ganze Handlung kurz, in indirekter Rede, wie es sein muss. Ich kritisierte im Brustton der Überzeugung, dass sie dieses Treatment sicher erst verfasst habe, nachdem sie ihr Buch schon geschrieben hatte. Denn für mich läuft es so: Wenn ich ein Projekt angehe, dann schreibe ich drauflos. Manchmal amüsiere ich mich dabei königlich, manchmal ist alles zäh und dröge. Am nächsten Tag wird korrigiert, gestrichen, fortgeschmissen, und so geht’s bis zum Ende, dann fang ich nochmals an. So lange, bis ich nichts mehr zu verbessern finde. Anfangs habe ich höchstens der Spur nach einen Plot, weiss selten, was meine Protagonisten alles anstellen und finde es erst dann richtig spannend, wenn sie sich querstellen. Vollkommen ineffizient, aber alles, was mich zur letzten Seite bringt, gilt, ist mein Credo. Wenn ich schon ein Treatment hätte, wo alles sauber konstruiert ist, dann wäre mir das Schreiben eine Strafaufgabe, weil bloß noch Lücken zu füllen sind.

Bei den meisten Reportagen treffe ich auf »alltägliche« Situationen und Menschen wie »du und ich«. Was mir dabei auffällt: Wenn wir etwas Zeit haben und ins Plaudern kommen, verrät mir die Bäuerin, der Spengler, die Physikerin und der Musiker, dass sie eigentlich lieber Maler, Pilotin, Filmemacher, was weiss ich, geworden wären. Jede und jeder lebt neben ihrem Alltag auch in ihren Träumen.

Für mich habe ich deshalb ein anderes Rezept gefunden: Ich recherchiere querbeet in Büchern, Filmen, in Zeitungen, im Internet, schreibe drauflos, überschreibe und streiche so lange, bis sich aus meinem Schreiben heraus ein Traum entwickelt.

Dann verschmilzt die Realität mit meiner andern -tät. Und dann bin ich auch sicher, dass ich meine Stimme gefunden habe – für genau das jeweilige Projekt.

VOM SICH-BEDIENEN

Adrian ZSCHOKKE

»Gute Künstler kopieren, große stehlen.«

Eines der Zitate, das allzu oft angebracht scheint und vielen zugeschrieben wird. Der Apple-Gründer Jobs zitierte es, angeblich stammt es von Picasso. Da es um »Sich-Bedienen« geht, ist es ohnehin egal.

In der beschriebenen Fräulein-Amman-Episode dachte ich nicht darüber nach. Jedes Wort, das ich neu entdeckte, gehörte mir. Unser Sprachvermögen stammt schließlich aus Kopieren, Imitieren, wie anders sollten wir uns sonst verständigen können.

Als ich bewusst darüber nachzudenken begann, verachtete ich jede Kopie. Alles sollte in meinem Kopf entstehen… und aus meinen Kenntnissen, die ich für schwer erarbeitet und unantastbar erachtete. Selbst Nachschlagewerke und Duden schienen mir unangebrachte Krücken für meine Kreativität.

Schrieb aber Geschichten, Notizen an die jeweilige Lektüre angelehnt. Wie schön war es mit den Romantikern zu schmachten, mit den Expressionisten die banale Realität zu überzeichnen. Das stelle ich allerdings erst heute fest. Damals hätte ich solche Einflüsse entrüstet zurückgewiesen.

Normale Belletristik, Krimis, gar Bestseller verachtete ich. Mir gefielen Experimente. Ein Buch zu schreiben, ohne ein einziges »E« zu verwenden, wie Georges Perec (er müsste ja konsequent Prc heißen  😉 ), oder Trümmerstil, oder die Etymtheorie Arno Schmidts waren mir Vorbilder. Letzter war ein grosser Zettelkastenkönig und ich sein Bewunderer. Meine Zettelkasten versagten dabei schon im Ansatz: Ich verlor die Zettel, verlegte die ganze Schachtel, kreierte so komplizierte Ordnungssysteme, dass ich am Ende nicht mehr wusste, nach welchem Kriterien ich eingeordnet hatte. So war ich heilfroh, als die Computerzeit kam. Nun rettete ich die kunterbunten Einträge von Floppyisks über den verschiedensten Harddisks bis heute. Wenn ich sie ab und zu durchforste, bin ich hell begeistert ab meinen großartigen Einfällen… im ersten Moment. So nach der dritten Sichtung fallen die meisten Krümel durch mein str(engeres) Sieb.

Das ist ein Krümel, zu dem mein finales Urteil noch nicht gefällt ist:

Es fragt die schöne Inderin, wo sind denn meine Rinder hin?

darauf der alte Inder: ich bin der stolze Finder,

halt mir den hübschen Hintern hin, dann findsts sie viel geschwinder.

            Die Rosie flüstert: So Sie,  Sie sind ja ganz ein Schlimmer!

Ich hatte keinen Schimmer, jetzt küssens meinen Po, Sie.

Ein Beispiel für die kreative Überholspur. Wer sich darauf begibt, läuft Gefahr, über den Rand hinaus zu fahren. Was ich am Montag perfekt finde, ist mir am Dienstag schal.

Allmählich, zögernd nähere ich mich dem heutigen Bonmot:  »Wer einen eigenen Stil kreiert, hat nichts zu erzählen.«  Ich glaube, es ist ein Zitat, habe aber den Autor nicht gefunden. Wer weiß, vielleicht stammt es von mir. Und greift wie alle Kurzformen auch etwas zu kurz. Denn die Suche nach der eigenen Stimme halte ich für unabdingbar, bloß das krampfhafte Bemühen um Originalität muss nicht sein. Momentan arbeite ich an Paraprosdokians. Erstens, weil mir das Wort so gefällt und zweitens, wenn die Wendung (zu Deutsch heißt Paraprosdokian Wendesatz) gelingt, finde ich es eine witzige Überraschung.

Ein Beispiel von Stephen King:

Ich habe das Herz eines kleinen Knaben – in einem Einmachglas auf meinem Schreibtisch.

Wenn ich ein paar gefunden habe, die mir gefallen, werde ich sie vielleicht mal auf die Leserschaft loslassen.

Heute lese ich querbeet alles, vorwiegend Krimis.  Mir scheint, Krimautorinnen sind eher gefeit vor allzu gespreizter Sprache, und wenn sie eine Stimme finden, erscheint sie – bei den Besten – authentisch.  Wenn mich en Thema interessiert, verschlinge ich alles und stoße ich dadurch auf unterschiedlichste Autoren.

So erlebte ich folgende Plagiatsgeschichte hautnah:

1997 fand ich einen Thriller über den Vatikan: The Vatican Boys. Verschwörung, Opus Dei, ein korrupter Papstanwärter etc. Es war grottenschlecht geschrieben, die Figuren platt, die Handlung schematisch. Der Autor hieß Jack Dunn. Aber das Thema faszinierte mich.

2003 las ich dasselbe Buch nochmals, jetzt hieß es Da Vinci Code und war von Dan Brown. Derselbe Plot, es war unübersehbar. Nicht ganz so schlecht geschrieben, die Charaktere zwar ebenfalls papieren, die Dialoge zum Davonrennen, aber die Handlung war nun professionell durchgestaltet, mit Cliffhängern und  mit Tempoveränderungen an den richtigen Stellen. Bekanntermaßen wurde es zum Megabestseller.

Es gab einen Plagiatsprozess, den Brown … natürlich gewann. Erst fand ich das skandalös, dann aber sagte ich mir und spreche wohl auch für  Jack Dunn: Beide Autoren wurden durch den Prozess nochmals in allen Zeitungen erwähnt und insbesondere für den Verlierer zahlte sich das in den Verkaufszahlen sicher aus.

Früher waren Plagiate allgegenwärtig. Bach schrieb von Vivaldi ab, Mozarts Werke wurden von x Komponisten transkribiert, einbezogen, umgearbeitet. In der Literatur ist Vergil ohne Homer undenkbar, unser Oberschriftsteller Goethe hat bei Marlowe abgeschaut, in der Malerei habe ich eingangs Picasso erwähnt. In den Zeiten des Internets sind die Quellen so unendlich reich, dass selbst der Frömmste nicht ohne Versuchung schreiben kann.

Wenn ich im Schreibfluss bin, entdecke ich jedes Mal ein Buch, einen Film, irgendwas, das  meine Geschichte vorwegnimmt. Ich meine, ich müsse alles wegwerfen, weil man mich sonst des Plagiats bezichtige. Wenn ich dann den vermeintlich selben Stoff einer Freundin zu lesen gebe, so stutzt sie und meint: »Und was soll das mit deiner Geschichte zu tun haben?«

Und so schließe ich: »Kunst ist Kopie, die spannender ist als das Original.«

Ulrich LAND

Tja, himmlische Formulierungsgeschenke wie »majestätisch« sich erhebende Berge oder ganze Plots von Abenteuersommergeschichten aus DeJong’scher Feder – darf man so was klauen? Als anständiger Schreiberling. Der sich bei aller frei flottierenden Fantasie doch ein Mindestmaß an Ehrlichkeit auf die Fahnen geschrieben hat.

Klar, hatten wir als Kinder und Jugendliche nicht das geringste Unrechtsbewusstsein. Und, ehrlich gesagt, ich weiß auch nicht, ob mir das reichlich fünfzig Jahre später noch Magengrimmen verursachen sollte. Ich glaube, Meindert de Jong, sollte er zu Lebzeiten je von meiner Piraterie erfahren haben (wobei ich nicht davon ausgehe, dass die gute Frau Rademacher sich bemüßigt fühlte, ihn in Kenntnis zu setzen), wird allenfalls gegriemelt haben. Vielleicht wäre er sogar stolz gewesen. Immerhin hat ein Knirps sein Buch für wert befunden, die Story aus der Nacherzählfeder ins Hausaufgabenheft fließen zu lassen.

Keine Frage, Plagiatsvorwürfe haben die unangenehme Eigenschaft, einen – zumal in digitalen Zeiten – durchaus Jahrzehnte später noch einzuholen (vgl. Karl-Theodor zu Guttenberg, Franziska Giffey, um nur zwei prominente Beispiele anzuführen). Aber wird diese »Schummelsoftware« unter der Hand und der Feder des Literaten nicht geadelt? Da sie in andere Kontexte gerückt wird und zwischen den Zeilen ausufernden Fabulierens ein fantastisch weitergeführtes Wesen treibt. Möglicherweise sollte man, um unsern Berufsstand aus der Schusslinie zu nehmen, weniger von »Formulierungen klauen« als von »aufklauben« reden.

An langen Sonntagnachmittagen seinerzeit im Vorwende-Berlin, als ich bereits mit dem Gedanken spielte, mich nun wirklich und tatsächlich auf den steinigen Pfad der Schriftstellerei zu begeben, begann ich, mir aus dem Füllhorn des Feuilletons der Frankfurter Rundschau die raffiniertesten Formulierungen rauszupicken. Und notierte sie auf (ganz analogen) Karteikarten. Die beiden Karteikästen stehen immer noch hier drüben im Regal. Der erste davon immerhin randvoll. Ich glaube, ich hab seit den späten 80er Jahren, also seit ich tatsächlich anfing, mit der Schreiberei meine Brötchen zu verdienen, nie wieder einen Blick in diesen Hort des geklauten Formulierungsschatzes getan. Aber jetzt – Moment, ich guck mal grad rein. Greife wahllos zu. Uups, ich wusste gar nicht mehr, dass ich da auch eigenes Zeug rumgesponnen und aufgeschrieben hab. Schwierig, jetzt noch zu rekonstruieren, was auf fremdem, und was auf meinem eigenen Mist gewachsen ist. Letztlich schnuppe.

Nehmen wir beispielsweise die Rubrik »Abrechnung mit Gottvater«.

Kärtchen 1: »Gestern fiel ich vom Glauben ab. Einfach so. Mitten auf der Straße. Schade eigentlich. Schade, schade.«

Kärtchen 2: »Kichererbssünde«

Oder unter der Rubrik »Es rappelt in der Beziehungskiste«.

Kärtchen 18: »Nach einer enttäuschten Liebe den Ring zurück an die Frau mit der Bemerkung ›Mit schönem Gruß an deinen nächsten Versuch!‹«

Keine Ahnung, von wem diese Idee stammt, aber könnte doch vielleicht ein zu beherzigender Vorschlag zur Güte sein. Und jetzt wollt ihr garantiert wissen, was auf den 17 Kärtchen davor steht. Andermal.

Vielleicht jedenfalls sollte ich die guten alten Karteikästen hin und wieder doch noch mal zu Rate ziehen. Und sollte ich tatsächlich jemals was daraus verwenden und nicht ersichtlich sein, dass es ursprünglichst nicht aus meiner Feder stammt, so verzeihe mir der Erfinder der begnadeten Formulierung den, sagen wir: Fremdeinsatz. Immerhin ein späte Ehre der Wiedererscheinung.

DIE INITIALZÜNDUNG(EN)

Ulrich LAND

Was sind sie eigentlich »Initialzündungen«? Und wie entstehen sie überhaupt?

Bei mir reichen die ersten Gehversuche mit dem Fantasiefüller bis in die Grundschulzeit (damals noch »Volksschulzeit«) zurück. Mein schönstes Ferienerlebnis gehörte auf Geheiß der guten Frau Rademacher aufgeschrieben. Mein Problem nur: Ich hatte keines. Oder ich erinnerte mich an keines. Die Ferien waren grottenlangweilig. Nichts, aber auch gar nichts, was ich für wert befunden hätte, mit literarischem Feinschliff festgehalten zu werden. Also behalf ich mich mit dem Bücherregal und irgendeinem Kinderbuch von Meindert DeJong. Spielte in Holland. Und waren wir nicht auch in Holland gewesen?
Da mir Abschreiben zu mühselig erschien, machte ich mich ans Nacherzählen. Oder etwas vornehmer: Nachempfinden.

Anderthalb Wochen nach dem Abgabetermin eröffnete die Rademachersche meiner Mutter ihre Verblüffung darüber, was wir, gute Güte, so alles im Urlaub erlebt hätten!
Worauf die Verblüffung auf Seiten meiner Mutter Einzug hielt. Ganz im Gegenteil, und man wisse doch, wenn einem langweilig sei, fange die Erholung an.
Na, dann habe der Sohnemann aber eine blühende Fantasie. Und was für eine Note solle sie ihm nun für die erstunkenerlogene Geschichte verpassen?

Der zweite Gehversuch fand zehn Jahre später statt. Ich war Ende 17 und zum ersten Mal verknallt. Bis über beide Ohren. Und um die Holde zu überzeugen, und da wir in der Oberprima grade Great American Shortstories durchnahmen, überreichte ich ihr in aller Feierlichkeit eine selbst geschriebene Geschichte. Diese handelte, weiß ich noch wie heute, von dem Phänomen, dass man, so man weit genug rausfährt, vom Boot aus ringsum nur Wasser und kein Fitzchen Land mehr zu sehen bekommt. Was allerdings auf der Handlungsebene passierte – keine Ahnung mehr, ich fürchte nicht allzu viel. Denn erst weitere zehn Jahre später kam ich auf den Trichter, dass in Geschichten was zu passieren habe und dass es vielleicht klug sein könnte, sich nicht nur in herz- und weltschmerztriefenden Beschreibungen zu ergehen.
Leider, sehr leider ist die Geschichte verschollen. Und die Holde leider, sehr leider auch.

Kann es also sein, dass das Hauptmotiv des (öffentlichen) Schreibens nichts als die Selbstliebe ist? Um nicht zu sagen: die Selbstverliebtheit. Jedenfalls die Vermessenheit, davon auszugehen, dass man der Welt was zu sagen hat. Und dass die Welt – verdammt noch mal – zuzuhören hat.

Adrian ZSCHOKKE

Da steige ich gerne zu, in diese Bahn der Erinnerungen!
Zum Ersten: Auch »Fräulein« Amman, unsere Lehrerin in der 4. Klasse, wollte unser schönstes Ferienerlebnis erfahren. Mein Satz: »Während wir über die Autobahn fuhren, erhoben sich neben uns die Berge ›majestätisch‹«. Majestätisch – einWort, das ich kurz vorher in einer Broschüre gelesen hatte und sofort anwenden wollte – reichte für die Bestnote und schickte mich auf eine ungute Suche nach ähnlichen Klischees.

Zum Zweiten: Unser Fünftklasslehrer Dambach gab einen andern Anstoß: In einem gemeinsamen Aufsatz sollten wir die Vorbeifahrt des Schnellzuges schildern. Er bestand darauf, dass eine genaue Beobachtung das Wichtigste für eine lebendige Beschreibung sei: Was ist das Erste, das den Zug ankündet? Unsere Vorschläge »Dumpfes Grollen, Kreischen, Vögel, die auffliegen« wurden entgegengenommen, aber erst seine eigene Beobachtung, dass nämlich zuerst die Fahrleitung zu schwingen begänne, führte uns vor Augen, was wahre Schriftstellerei ist. (Dass ich später herausfand, dass dem nicht so ist, tat Dambachs Lektion keinen Abstrich, im Gegenteil: Wer so eine Erfindung als authentische Beobachtung präsentieren kann, darf weiterschreiben.)

Zum Dritten: Im Gymnasium wechselte ich in einer Nacherzählung, eine Pflichtübung, die ich zum Gähnen fand, vom Präteritum ins Präsens. Grammatikalisch nicht richtig, aber, wie ich mich verteidigte, der Spannung dienlich. Lehrer Thomke beschied mir: »Wenn Sie dreimal eine Sechs schreiben, dann dürfen Sie sich solche stilistische Freiheiten herausnehmen, vorher nicht!«

Diesen drei Lektionen folgend, versuche ich noch immer, meine Stimme zu finden, Klischees nicht auf den Leim zu kriechen, sie aber auch nicht zu verachten, denn sie sind oft wirksam. Und Beobachtungen ernst zu nehmen, aber nicht der eigenen Fantasie unterzuordnen und, wenn ich mir sicher bin, auch mal über den »Dudenrand« hinwegzusehen. Dass diese Stimme etwas zu sagen hat, davon bin ich überzeugt, auch wenn ein ganz leises Stimmchen dagegenhält und piepst: »Wieso denn  ausgerechnet du?« Wenn dieses Stimmchen dereinst überhandnimmt, dann höre ich auf.