IN SACHEN KERNEINDRÜCKE UND TREAMENT

Ulrich LAND

Ja. Definitiv. Ohne Kerneindrücke geht es nicht. Nie und nimmer nicht. Die Schreiberei entsteht nicht aus dem luftleeren Raum. Auch die von Arno Schmidt nicht. Auch wennʼs in seinem Fall nicht so offensichtlich ist. Aber vielleicht sind wir ja genau deshalb in den Jahrzehnten nach ihm wieder gewaltig hinter ihn zurückgefallen. Haben wieder angefangen, mehr und erkennbarer zu erzählen. Haben versucht, das Experimentelle mit dem Realen zu verbinden. Es geht uns – jedenfalls der größten Zahl zeitgenössischer Schreiberlinge, behaupte ich mal – wieder um Geschichten. Auch der durchaus nervige Boom des Wortes »Narrativ« in allen Lebenslagen spricht diesbezüglich Bände. Der reine Stream of Consciousness hat offensichtlich ausgedient. Ist uns zu langweilig, zu anstrengend. Die reine Abstraktion, die reine Übung. Wir wollen leben und erleben, wenn wir lesen.

Und das geht nur, wenn ein Erleben dahintersteht. Natürlich müssen wir nicht in der Pfanne gebrutzelt haben, um zu wissen, was ein Schnitzel ist. Wir müssen uns nicht im Boxring ins Jenseits boxen lassen, um übers Boxen zu schreiben. Hier irrte Herr Gallico. Sehen geht auch. Oder lesen natürlich. Oder sich ins Kino setzen. Aber klar: Erleben ist am lebendigsten. Zumindest selbst in Augenschein nehmen. Kerneindrücke überall, woʼs nur geht, sammeln und einsammeln. Ob im Goldbergwerk, in der U-Bahn, auf dem Gletscher, unter Wasser, in der Wüste. Alles wichtig, alles literaturverdächtig.

Ich zum Beispiel zehre seit fast einem halben Jahrhundert von meiner ersten Finnlandreise.

Wo gibtʼs Gegend ohne Ende, die mit dem Interrail-Ticket grade noch erreichbar ist? Über Europas Eisenbahnnetz diesseits der Warschauer-Pakt-Grenze kreisend, landete der Finger auf der Landkarte Kareliens. Ich zog mit zwei Kumpels los. Benzinkocher, knallgelbes Hundehüttenzelt, der Blechbecher meiner Großmutter. Wir liehen uns im tiefsten Finnland ein baufälliges Ruderboot, flickten es mit Draht und vier Holzschrauben und stachen in See. Wald, Felsen und immer neue, glasklare Seen. Ein Traum! Wir paddelten überglücklich über die ostfinnische Seenplatte und gaben jedem Eiland, das wir ansteuerten, stolz einen unserer Namen. Und waren der festen Überzeugung, immer weiter in die Wälder gen Norden zu fahren. Bis wir bemerkten, dass das vom Sonnenstand her beim besten Willen nicht hinkommen konnte. Der Nachtzug hatte auf der Hinreise mit uns eine 180° Kehre vollzogen, ohne dass wirʼs gemerkt hätten. Unsere Orientierung war völlig auf den Kopf gestellt, und wir ruderten statt hinein in die Taiga aus ihr heraus. Dem Genuss der Wildnis tat das nicht den geringsten Abbruch. Auch Südfinnlands Wälder und Seen wirken auf frisch gebackene Abiturienten wie Welten grenzenloser Freiheit.

Von den bei dieser Tour gesammelten Eindrücken – immer wieder bestärkt und bestätigt durch jede weitere Finnlandreise – habe ich Jahre und Jahre gezehrt, hab sie in zwei Hörspielen verwurstet und zuletzt in meinem »Krätze«-Krimi, den ich eben wegen dieser nicht verblassen wollenden Kerneindrücke genau dort hab spielen lassen. Und selbstredend flossen mir die Beschreibungen der Welt dort oben schneller aus der Feder, als ich drüber nachdenken konnte. Locker übersetzt aus dem Sommererlebnis seinerzeit in Wintererlebnisse.

Ohne die eingravierten Bilder, Einstellungen, Fantasien auf der tiefsten meiner Festplatten würde ich den Füller nicht in Fahrt bringen können. Eben weil, ja, stimmt, weil das Schreiben genau zwischen Traum und Wirklichkeit rangiert. Es ist, als wache man just auf: Man hat den Traum noch an der Leine, kann grad noch drauf zu(rück)greifen, aber die ersten (un)scharfen Gedanken sind schon unterwegs. Auf der wackligen Brücke ins Diesseits. Und genau dieser Schwebezustand, diese Zwitterkerneindrücke schreien danach, aufgeschrieben zu werden. Und rangieren, klar, auch beim Lesen zwischen Traum und Wirklichkeit. Literatur ist der inszenierte Tagtraum.

Deshalb kann ich nicht einschlafen, wenn auf meinem Nachttisch nicht Zettel und Bleistift bereitliegen.

Und die Frage Treatment – ja oder nein –, also dezidiertes Konzept vorher oder der geniale Wurf aus dem Nichts – die Frage ist wie so vieles im richtigen und im schreibenden Leben eine Frage der Dialektik. Ein Sowohl-als-Auch. Natürlich schreib ich für mein Leben gern einfach drauf los – insbesondere bei Gedichten, keine Ahnung, welchem Impuls ich da folge – und schau zu, wie die Tinte in welchen Mäandern aus dem Füller fließt. Lass einfach laufen, lass mich und meine Schreiberei treiben, setz mich mit Begeisterung auf die gespreizten Flügel des Pegasos und mindestens ebenso gern auf die der Wildgans wie weiland Nils Holgersson. Aber ich gebe zu, ich finde das, was dabei rauskommt, nicht immer genial. Nicht immer fangen die Buchstaben an, Tango zu tanzen. Und deshalb sind mir (nicht unbedingt ein ausgewachsenes Treatment, aber doch) Konzeptkritzeleien durchaus willkommene Krücken. Nachttischnotizzettel, Entwürfe auf Bierdeckelgröße oder auf meinem Lieblingspapier: DIN A5 kariert.

Und wenn dann die Geschichte so ihrer Wege geht, gibt es einen bestimmten unbestimmten Punkt, wo man sich das Ende überlegen, eine Art Zielführung, umʼs hochtrabend zu sagen, ins Visier nehmen muss. Sonst ufertʼs, weiß der Teufel wohin, aus. Worst Case: in die Beliebigkeit.

Alles Weitere muss dann dieses (eben dialektische) Hin und Her aus Schielen auf den Konzeptbierdeckel und munter flottierender Fantasie haben, aus Freischüssen und Konzentration, aus Spitzwinkel und Weitwinkel, aus einerseits und andererseits. Wenn das Schreiben nicht diese Selbstüberraschungen bietet und in stupides Ausbuchstabieren, Abarbeiten des Treatments ausartet, dann ist der »Zitsch« weg. Die Mühsal kommt sowieso, kommt später, wenn manʼs in welchen Rahmen auch immer einpassen muss. Aber erst das Spiel, dann die Arbeit. Und das Hin, das Her. Läuft.

Adrian ZSCHOKKE

Vielleicht habe ich einfach zu wenig Fantasie. Deshalb der Hunger nach Erlebnissen. Dabei habe ich natürlich gut lachen. Noch bin ich recht gesund und kann neue »Abenteuer« planen. Klar, die Berge, die ich erklimmen will, werden niedriger, die Flüsse, die ich überquere, ruhiger, aber ich lasse mich noch immer gerne von Steilhängen, von irgendwelchen Torturen verführen, bloß, um am Ende leicht enttäuscht über die Banalität meiner Leistung zu sein. Und dann setze ich mich an die Böschung und sehe eine Hummel auf der Blüte einer Margerite, auf der sie eigentlich unmöglich landen konnte. Denn bekanntlich kann die Hummel nach den Gesetzen der Aerodynamik gar nicht fliegen, bloß weiß sie das nicht.

Und so kann man/frau auch ohne Kerneindrücke schreiben.

Ich habe vor einer Buchhandlung ein querschnittgelähmtes Mädchen in einem Rollstuhl getroffen, die  mir ihren Krimi verkauft hat. Da gingʼs zu wie bei James Bond und, auch wenn ich jetzt etwas pathetisch werde, ihre Augen blitzen fröhlich und ich war sehr betreten.

Zur Mühsal bei der Abarbeitung der Füllerflüsse komme ich später. Erst aber zum Füller: Wie oft schon habe ich mir einen Füller gekauft, weil das zu meinem Bild des Schriftstellers gehört wie Whisky oder sonst ein alkoholisches Gebräu. Bei Letzterem bleibt bei mir nach kurzer Euphorie maximal eine Seite übrig, die ich nach dem Kater meist wegwerfe. Und beim Füller bleibt entweder eine – für meine Verhältnisse – sorgfältig kalligraphierte Seite ohne genügend Schärfe, ohne Präzision, weil es mir leidtut, ein schön hingeschriebenes, aber falsches Wort oder eine verschmierte Kritzelei, die ich nur mühsam entziffern kann, zu streichen. Jetzt besitze ich eine Sammlung von Füllern, die immer im falschen Moment ausgetrocknet sind. Mein Motto heute bei genialen Einfällen: Wenn ich sie nicht bis zum nächsten Computer behalten kann, so waren sie nicht genügend wichtig. Natürlich frage ich mich ab und zu: Wie viel wertvollste Gedankensplitter gingen so verloren? Aber auch dazu später.

Das Mobiltelefon als Notizgefäß hat zwar etwas von der Bierdeckelromantik zurückgebracht, mit der automatischen Korrektur gibt’s zudem manchmal schöne oder lustige Überraschungen, aber sonst: Ohne Computer würde ich nicht mal ein Nichts zustande bringen. Denn nur hier kann ich vorwärts, rückwärts löschen, einen Splitter kurz nach unten oder oben schieben und neben einen andern Satz stellen, bis er wie ein Puzzleteil schließlich am einzig richtigen Platz zu stehen kommt.

Zurück zur Mühsal. Mein erwähnter ineffizienter Überschreibungsprozess, das noch- und nochmaliges Korrigieren, geht irgendwann – und da beginnt die Endphase – von  zäher Mühsal in ein großes Vergnügen über. Wenn plötzlich der hinkende Rhythmus stimmt, weil ein überflüssiges »gar, je, und, aber, auch« etc. wegfällt. Wenn ich  merke: Ach so, ja, so ist gut. Oder wie der große Poet Trapp formulierte: »Ich habe fertig.«

Dazu mal wieder »Anekdoteles« (nicht von mir, leider): Einer meiner Krimis war in der Endphase. Ich gab ihn einer Freundin zu lesen mit dem Vorbehalt: »Wie ich die losen Enden verbinden will, ist mir noch nicht ganz klar«.  Sie gab mir den Text nach zwei Tagen zurück, begeistert zum Glück, und sagte: »Ist doch gut so, lass den Roman hier enden.«

Wir müssen mehr Zuversicht entwickeln. »Gottvertrauen« wage ich es nicht zu nennen, da platzt zu vielen der Kragen. Vielleicht Musenvertrauen? Jedenfalls: Wer geduldig bleibt und seinen aufgebauten Buchstabenturm immer neu zerstört, bis sich wichtige Gedankensplitter und Trümmer von selbst zur einer Komposition fügen, der braucht sich vor der Beliebigkeit nicht zu fürchten.

Dazu zwei Meister ihres Fachs:

Fellini hat mal ungefähr Folgendes erzählt: In einer Stofftapete suche er einen losen Faden. Den ziehe er vorsichtig heraus, bis er ein ganzes Knäuel habe. Mit diesem Knäuel spiele er so lange, bis es die Form angenommen habe, die ihm angebracht scheine. Dies sei dann seine Geschichte.

Und Michelangelo meint: »Die Figur war schon in dem rohen Stein. Ich musste nur noch alles Überflüssige wegschlagen.«

Alles etwas zu esoterisch? Arnold Schönberg meint: »Kunst kommt von müssen.«

Man mag Vorbehalte gegenüber Schönbergs Kunst haben, aber darum geht es nicht: Der Drang, etwas zu kreieren, ist schon die Kunst. Das gelungene Resultat ergibt sich aus der Zuversicht, die Musenküsse nicht zu verpassen, und der Beharrlichkeit, sie zu bearbeiten.

Damit übergebe ich nochmals an Giovanni Trappatoni: »Ich habe fertig!«

TREATMENT

Ulrich LAND

Die eigene Masche

Bin hängengeblieben bei diesem Bonmot: »Wer einen eigenen Stil kreiert, hat nichts zu erzählen.«

Ein Satz, eine Setzung, eine ärgerliche Irritation. Ein Hammer, ehrlich gesagt. Haut jedem vor den Kopp, der versucht, die eigene Masche zu stricken. Jedem, der sich nicht im Mainstream verströmen will.

Und doch merke ich, je mehr ich mich drüber aufrege, dass was dran sein könnte. Zumindest indirekt. Von hinten durch die Brust ins Auge gewissermaßen. Was, um der Wahrheit die Ehre zu geben, stimmt, ist, dass ich mich ab und zu dabei ertappe, mich sprachspielmäßig zu »verkünsteln«, weil mir der weitere Verlauf des Plots grad nicht einfallen will. Das war vor allem in meinen frühen Schreiberlingsjahren der Fall, wo ich seitenlange Storys verzapft habe, ohne dass irgendwas passiert wäre. Weil ich einfach nicht wusste, was hätte passieren sollen.

Irgendwann dann wusste ich, es muss was passieren!

Ich will, dass was passiert. In meinen Geschichten, in meinen Gedichten, in meinen Stücken. Und habe dann aber trotzdem sicher noch mal hundert Jahre gebraucht, um mich auf das Handwerkszeug der Drehbuchschreiber einzulassen. Da gibt es ja eine Art Zeichenbrett, man nennt es auch »Treatment«. Man könnte es auch »Handlungsablauf« nennen, wären da nicht noch die zusätzlich vorzuzeichnenden Profile von Personen und Schauplätzen. Egal. Jedenfalls eine »Vorab-Skizze«. Eine verdammt nützliche Einrichtung. (Außer bei Gedichten, da bleib ich dabei, guck zu, was mir aus dem Füller fließt.) Aber bei längeren Texten, wenn’s mir gelingt, mich zum Abfassen dieses Treatment ohne jedes Rumfabulieren zu disziplinieren, dann läuft es. Lernt die Handlung, die Erzählung das Laufen. Hat man plötzlich was zu erzählen. Hört sich zwar nicht nach grandios kreativer Schöpfung aus dem Nichts an, sondern nach zäher Arbeit, das Verfahren, nach gestrenger Linierung, ist es auch, aber plötzlich weiß man, wohin die Reise geht. Schon mal nicht schlecht. Und dann sieht man weiter.

– Aber – wo war ich noch mal losgelaufen?

Adrian ZSCHOKKE

Warum eigentlich lesen und schreiben?

Soweit ich zurückdenken kann, empfand ich die Realität immer als etwas zu flach oder zu flüchtig. Oder einfach eine -tät von vielen. Was ich las, was ich träumte, beschäftigte mich mehr, als ob ich nun klatschnass wurde, weil ich mal wieder die Jacke vergessen hatte.

Oft schien mir, ich würde nur wahrhaftig leiden, trauern, mich freuen, lieben können, wenn ich mein Erlebnis aufgeschrieben fand.

Doch ohne Wirklichkeit kann man auch nichts beschreiben. Paul Gallico, Journalist und Schriftsteller, hatte eine klare Meinung dazu: Für eine Reportage über einen Boxkampf trat er einst gegen Weltmeister Jack Dempsey an, um nach 97 Sekunden mit blutender Nase flach auf der Matte zu liegen. Obschon er schrieb, dass er diese Methode nicht zur Nachahmung empfehle, mir wurde er zum Vorbild.

Ich sammelte also Situationen, Kerneindrücke. Mit 17 etwa, beim Autostopp in Deutschland, mitten in der Nacht, es regnete, ich war klatschnass, ohne Geld, ohne Essen, da kaute ich grüne Weizenkörner, die ich von den Ähren riss. Das buchte ich ab unter »Entbehrung« und »Überleben«…

Dank meines Reporterberufes konnte ich später unterschiedlichste Erfahrungen sammeln, bei 50° in Iran etwa oder bei 28 Minusgraden in Weißrussland, auf 6000 müM in Chile oder in 1000 m unter der Erde in einer südafrikanischen Goldgrube. In Kriegen, in Luxusvillen und in Slums. Ich hoffe, wenigstens ein paar dieser Erlebnissein meine Bücher zu kondensieren, denn vor lauter Sammeln ging das Verarbeiten unter…

Dann las ich einen wunderbaren Roman von Flaubert: Bouvard et Pécuchet, und erfuhr, dass Flaubert in seinem Bestreben, alles realistisch zu beschreiben, nicht mehr zu Rande kam mit seinem Buch – der Roman erschien schließlich postum. Das erscheint mir bewunderns- und auch liebenswert, würde ich jedoch genauso wenig zur Nachahmung empfehlen wie Gallicos Rezept. Eine kurze Anekdote dazu: Bei einem Bericht über Winterreifen, beklagte sich unser Protagonist, ein Garagist, bei mir – ich verkörperte für ihn alle Aspekte der Fernsehproduktion – : »In einem Krimi war letzhin eine Verfolgungsjagd, Polizisten hinter einem Ford Mustang her. Und die haben einen 64er Mustang gezeigt, aber der Sound des Motors, das war ein 6-Zylinder, den gabs erst 65, das kann man doch nicht machen!«

Wer soll oder kann solche Finessen alle erfassen?

Strikte Regeln und Werkzeuge sind hilfreiche Krücken – für eine gewisse Zeit. Das gilt auch fürs Treatment, der aktuell heiligen Kuh in der Schriftstellerwerkstatt. Auch dazu eine Anekdote: An einem Drehbuchseminar mussten alle ihre Treatments vortragen. Meine Sitznachbarin präsentierte das ihre, perfekt, die ganze Handlung kurz, in indirekter Rede, wie es sein muss. Ich kritisierte im Brustton der Überzeugung, dass sie dieses Treatment sicher erst verfasst habe, nachdem sie ihr Buch schon geschrieben hatte. Denn für mich läuft es so: Wenn ich ein Projekt angehe, dann schreibe ich drauflos. Manchmal amüsiere ich mich dabei königlich, manchmal ist alles zäh und dröge. Am nächsten Tag wird korrigiert, gestrichen, fortgeschmissen, und so geht’s bis zum Ende, dann fang ich nochmals an. So lange, bis ich nichts mehr zu verbessern finde. Anfangs habe ich höchstens der Spur nach einen Plot, weiss selten, was meine Protagonisten alles anstellen und finde es erst dann richtig spannend, wenn sie sich querstellen. Vollkommen ineffizient, aber alles, was mich zur letzten Seite bringt, gilt, ist mein Credo. Wenn ich schon ein Treatment hätte, wo alles sauber konstruiert ist, dann wäre mir das Schreiben eine Strafaufgabe, weil bloß noch Lücken zu füllen sind.

Bei den meisten Reportagen treffe ich auf »alltägliche« Situationen und Menschen wie »du und ich«. Was mir dabei auffällt: Wenn wir etwas Zeit haben und ins Plaudern kommen, verrät mir die Bäuerin, der Spengler, die Physikerin und der Musiker, dass sie eigentlich lieber Maler, Pilotin, Filmemacher, was weiss ich, geworden wären. Jede und jeder lebt neben ihrem Alltag auch in ihren Träumen.

Für mich habe ich deshalb ein anderes Rezept gefunden: Ich recherchiere querbeet in Büchern, Filmen, in Zeitungen, im Internet, schreibe drauflos, überschreibe und streiche so lange, bis sich aus meinem Schreiben heraus ein Traum entwickelt.

Dann verschmilzt die Realität mit meiner andern -tät. Und dann bin ich auch sicher, dass ich meine Stimme gefunden habe – für genau das jeweilige Projekt.

VOM SICH-BEDIENEN

Adrian ZSCHOKKE

»Gute Künstler kopieren, große stehlen.«

Eines der Zitate, das allzu oft angebracht scheint und vielen zugeschrieben wird. Der Apple-Gründer Jobs zitierte es, angeblich stammt es von Picasso. Da es um »Sich-Bedienen« geht, ist es ohnehin egal.

In der beschriebenen Fräulein-Amman-Episode dachte ich nicht darüber nach. Jedes Wort, das ich neu entdeckte, gehörte mir. Unser Sprachvermögen stammt schließlich aus Kopieren, Imitieren, wie anders sollten wir uns sonst verständigen können.

Als ich bewusst darüber nachzudenken begann, verachtete ich jede Kopie. Alles sollte in meinem Kopf entstehen… und aus meinen Kenntnissen, die ich für schwer erarbeitet und unantastbar erachtete. Selbst Nachschlagewerke und Duden schienen mir unangebrachte Krücken für meine Kreativität.

Schrieb aber Geschichten, Notizen an die jeweilige Lektüre angelehnt. Wie schön war es mit den Romantikern zu schmachten, mit den Expressionisten die banale Realität zu überzeichnen. Das stelle ich allerdings erst heute fest. Damals hätte ich solche Einflüsse entrüstet zurückgewiesen.

Normale Belletristik, Krimis, gar Bestseller verachtete ich. Mir gefielen Experimente. Ein Buch zu schreiben, ohne ein einziges »E« zu verwenden, wie Georges Perec (er müsste ja konsequent Prc heißen  😉 ), oder Trümmerstil, oder die Etymtheorie Arno Schmidts waren mir Vorbilder. Letzter war ein grosser Zettelkastenkönig und ich sein Bewunderer. Meine Zettelkasten versagten dabei schon im Ansatz: Ich verlor die Zettel, verlegte die ganze Schachtel, kreierte so komplizierte Ordnungssysteme, dass ich am Ende nicht mehr wusste, nach welchem Kriterien ich eingeordnet hatte. So war ich heilfroh, als die Computerzeit kam. Nun rettete ich die kunterbunten Einträge von Floppyisks über den verschiedensten Harddisks bis heute. Wenn ich sie ab und zu durchforste, bin ich hell begeistert ab meinen großartigen Einfällen… im ersten Moment. So nach der dritten Sichtung fallen die meisten Krümel durch mein str(engeres) Sieb.

Das ist ein Krümel, zu dem mein finales Urteil noch nicht gefällt ist:

Es fragt die schöne Inderin, wo sind denn meine Rinder hin?

darauf der alte Inder: ich bin der stolze Finder,

halt mir den hübschen Hintern hin, dann findsts sie viel geschwinder.

            Die Rosie flüstert: So Sie,  Sie sind ja ganz ein Schlimmer!

Ich hatte keinen Schimmer, jetzt küssens meinen Po, Sie.

Ein Beispiel für die kreative Überholspur. Wer sich darauf begibt, läuft Gefahr, über den Rand hinaus zu fahren. Was ich am Montag perfekt finde, ist mir am Dienstag schal.

Allmählich, zögernd nähere ich mich dem heutigen Bonmot:  »Wer einen eigenen Stil kreiert, hat nichts zu erzählen.«  Ich glaube, es ist ein Zitat, habe aber den Autor nicht gefunden. Wer weiß, vielleicht stammt es von mir. Und greift wie alle Kurzformen auch etwas zu kurz. Denn die Suche nach der eigenen Stimme halte ich für unabdingbar, bloß das krampfhafte Bemühen um Originalität muss nicht sein. Momentan arbeite ich an Paraprosdokians. Erstens, weil mir das Wort so gefällt und zweitens, wenn die Wendung (zu Deutsch heißt Paraprosdokian Wendesatz) gelingt, finde ich es eine witzige Überraschung.

Ein Beispiel von Stephen King:

Ich habe das Herz eines kleinen Knaben – in einem Einmachglas auf meinem Schreibtisch.

Wenn ich ein paar gefunden habe, die mir gefallen, werde ich sie vielleicht mal auf die Leserschaft loslassen.

Heute lese ich querbeet alles, vorwiegend Krimis.  Mir scheint, Krimautorinnen sind eher gefeit vor allzu gespreizter Sprache, und wenn sie eine Stimme finden, erscheint sie – bei den Besten – authentisch.  Wenn mich en Thema interessiert, verschlinge ich alles und stoße ich dadurch auf unterschiedlichste Autoren.

So erlebte ich folgende Plagiatsgeschichte hautnah:

1997 fand ich einen Thriller über den Vatikan: The Vatican Boys. Verschwörung, Opus Dei, ein korrupter Papstanwärter etc. Es war grottenschlecht geschrieben, die Figuren platt, die Handlung schematisch. Der Autor hieß Jack Dunn. Aber das Thema faszinierte mich.

2003 las ich dasselbe Buch nochmals, jetzt hieß es Da Vinci Code und war von Dan Brown. Derselbe Plot, es war unübersehbar. Nicht ganz so schlecht geschrieben, die Charaktere zwar ebenfalls papieren, die Dialoge zum Davonrennen, aber die Handlung war nun professionell durchgestaltet, mit Cliffhängern und  mit Tempoveränderungen an den richtigen Stellen. Bekanntermaßen wurde es zum Megabestseller.

Es gab einen Plagiatsprozess, den Brown … natürlich gewann. Erst fand ich das skandalös, dann aber sagte ich mir und spreche wohl auch für  Jack Dunn: Beide Autoren wurden durch den Prozess nochmals in allen Zeitungen erwähnt und insbesondere für den Verlierer zahlte sich das in den Verkaufszahlen sicher aus.

Früher waren Plagiate allgegenwärtig. Bach schrieb von Vivaldi ab, Mozarts Werke wurden von x Komponisten transkribiert, einbezogen, umgearbeitet. In der Literatur ist Vergil ohne Homer undenkbar, unser Oberschriftsteller Goethe hat bei Marlowe abgeschaut, in der Malerei habe ich eingangs Picasso erwähnt. In den Zeiten des Internets sind die Quellen so unendlich reich, dass selbst der Frömmste nicht ohne Versuchung schreiben kann.

Wenn ich im Schreibfluss bin, entdecke ich jedes Mal ein Buch, einen Film, irgendwas, das  meine Geschichte vorwegnimmt. Ich meine, ich müsse alles wegwerfen, weil man mich sonst des Plagiats bezichtige. Wenn ich dann den vermeintlich selben Stoff einer Freundin zu lesen gebe, so stutzt sie und meint: »Und was soll das mit deiner Geschichte zu tun haben?«

Und so schließe ich: »Kunst ist Kopie, die spannender ist als das Original.«

Ulrich LAND

Tja, himmlische Formulierungsgeschenke wie »majestätisch« sich erhebende Berge oder ganze Plots von Abenteuersommergeschichten aus DeJong’scher Feder – darf man so was klauen? Als anständiger Schreiberling. Der sich bei aller frei flottierenden Fantasie doch ein Mindestmaß an Ehrlichkeit auf die Fahnen geschrieben hat.

Klar, hatten wir als Kinder und Jugendliche nicht das geringste Unrechtsbewusstsein. Und, ehrlich gesagt, ich weiß auch nicht, ob mir das reichlich fünfzig Jahre später noch Magengrimmen verursachen sollte. Ich glaube, Meindert de Jong, sollte er zu Lebzeiten je von meiner Piraterie erfahren haben (wobei ich nicht davon ausgehe, dass die gute Frau Rademacher sich bemüßigt fühlte, ihn in Kenntnis zu setzen), wird allenfalls gegriemelt haben. Vielleicht wäre er sogar stolz gewesen. Immerhin hat ein Knirps sein Buch für wert befunden, die Story aus der Nacherzählfeder ins Hausaufgabenheft fließen zu lassen.

Keine Frage, Plagiatsvorwürfe haben die unangenehme Eigenschaft, einen – zumal in digitalen Zeiten – durchaus Jahrzehnte später noch einzuholen (vgl. Karl-Theodor zu Guttenberg, Franziska Giffey, um nur zwei prominente Beispiele anzuführen). Aber wird diese »Schummelsoftware« unter der Hand und der Feder des Literaten nicht geadelt? Da sie in andere Kontexte gerückt wird und zwischen den Zeilen ausufernden Fabulierens ein fantastisch weitergeführtes Wesen treibt. Möglicherweise sollte man, um unsern Berufsstand aus der Schusslinie zu nehmen, weniger von »Formulierungen klauen« als von »aufklauben« reden.

An langen Sonntagnachmittagen seinerzeit im Vorwende-Berlin, als ich bereits mit dem Gedanken spielte, mich nun wirklich und tatsächlich auf den steinigen Pfad der Schriftstellerei zu begeben, begann ich, mir aus dem Füllhorn des Feuilletons der Frankfurter Rundschau die raffiniertesten Formulierungen rauszupicken. Und notierte sie auf (ganz analogen) Karteikarten. Die beiden Karteikästen stehen immer noch hier drüben im Regal. Der erste davon immerhin randvoll. Ich glaube, ich hab seit den späten 80er Jahren, also seit ich tatsächlich anfing, mit der Schreiberei meine Brötchen zu verdienen, nie wieder einen Blick in diesen Hort des geklauten Formulierungsschatzes getan. Aber jetzt – Moment, ich guck mal grad rein. Greife wahllos zu. Uups, ich wusste gar nicht mehr, dass ich da auch eigenes Zeug rumgesponnen und aufgeschrieben hab. Schwierig, jetzt noch zu rekonstruieren, was auf fremdem, und was auf meinem eigenen Mist gewachsen ist. Letztlich schnuppe.

Nehmen wir beispielsweise die Rubrik »Abrechnung mit Gottvater«.

Kärtchen 1: »Gestern fiel ich vom Glauben ab. Einfach so. Mitten auf der Straße. Schade eigentlich. Schade, schade.«

Kärtchen 2: »Kichererbssünde«

Oder unter der Rubrik »Es rappelt in der Beziehungskiste«.

Kärtchen 18: »Nach einer enttäuschten Liebe den Ring zurück an die Frau mit der Bemerkung ›Mit schönem Gruß an deinen nächsten Versuch!‹«

Keine Ahnung, von wem diese Idee stammt, aber könnte doch vielleicht ein zu beherzigender Vorschlag zur Güte sein. Und jetzt wollt ihr garantiert wissen, was auf den 17 Kärtchen davor steht. Andermal.

Vielleicht jedenfalls sollte ich die guten alten Karteikästen hin und wieder doch noch mal zu Rate ziehen. Und sollte ich tatsächlich jemals was daraus verwenden und nicht ersichtlich sein, dass es ursprünglichst nicht aus meiner Feder stammt, so verzeihe mir der Erfinder der begnadeten Formulierung den, sagen wir: Fremdeinsatz. Immerhin ein späte Ehre der Wiedererscheinung.

DIE INITIALZÜNDUNG(EN)

Ulrich LAND

Was sind sie eigentlich »Initialzündungen«? Und wie entstehen sie überhaupt?

Bei mir reichen die ersten Gehversuche mit dem Fantasiefüller bis in die Grundschulzeit (damals noch »Volksschulzeit«) zurück. Mein schönstes Ferienerlebnis gehörte auf Geheiß der guten Frau Rademacher aufgeschrieben. Mein Problem nur: Ich hatte keines. Oder ich erinnerte mich an keines. Die Ferien waren grottenlangweilig. Nichts, aber auch gar nichts, was ich für wert befunden hätte, mit literarischem Feinschliff festgehalten zu werden. Also behalf ich mich mit dem Bücherregal und irgendeinem Kinderbuch von Meindert DeJong. Spielte in Holland. Und waren wir nicht auch in Holland gewesen?
Da mir Abschreiben zu mühselig erschien, machte ich mich ans Nacherzählen. Oder etwas vornehmer: Nachempfinden.

Anderthalb Wochen nach dem Abgabetermin eröffnete die Rademachersche meiner Mutter ihre Verblüffung darüber, was wir, gute Güte, so alles im Urlaub erlebt hätten!
Worauf die Verblüffung auf Seiten meiner Mutter Einzug hielt. Ganz im Gegenteil, und man wisse doch, wenn einem langweilig sei, fange die Erholung an.
Na, dann habe der Sohnemann aber eine blühende Fantasie. Und was für eine Note solle sie ihm nun für die erstunkenerlogene Geschichte verpassen?

Der zweite Gehversuch fand zehn Jahre später statt. Ich war Ende 17 und zum ersten Mal verknallt. Bis über beide Ohren. Und um die Holde zu überzeugen, und da wir in der Oberprima grade Great American Shortstories durchnahmen, überreichte ich ihr in aller Feierlichkeit eine selbst geschriebene Geschichte. Diese handelte, weiß ich noch wie heute, von dem Phänomen, dass man, so man weit genug rausfährt, vom Boot aus ringsum nur Wasser und kein Fitzchen Land mehr zu sehen bekommt. Was allerdings auf der Handlungsebene passierte – keine Ahnung mehr, ich fürchte nicht allzu viel. Denn erst weitere zehn Jahre später kam ich auf den Trichter, dass in Geschichten was zu passieren habe und dass es vielleicht klug sein könnte, sich nicht nur in herz- und weltschmerztriefenden Beschreibungen zu ergehen.
Leider, sehr leider ist die Geschichte verschollen. Und die Holde leider, sehr leider auch.

Kann es also sein, dass das Hauptmotiv des (öffentlichen) Schreibens nichts als die Selbstliebe ist? Um nicht zu sagen: die Selbstverliebtheit. Jedenfalls die Vermessenheit, davon auszugehen, dass man der Welt was zu sagen hat. Und dass die Welt – verdammt noch mal – zuzuhören hat.

Adrian ZSCHOKKE

Da steige ich gerne zu, in diese Bahn der Erinnerungen!
Zum Ersten: Auch »Fräulein« Amman, unsere Lehrerin in der 4. Klasse, wollte unser schönstes Ferienerlebnis erfahren. Mein Satz: »Während wir über die Autobahn fuhren, erhoben sich neben uns die Berge ›majestätisch‹«. Majestätisch – einWort, das ich kurz vorher in einer Broschüre gelesen hatte und sofort anwenden wollte – reichte für die Bestnote und schickte mich auf eine ungute Suche nach ähnlichen Klischees.

Zum Zweiten: Unser Fünftklasslehrer Dambach gab einen andern Anstoß: In einem gemeinsamen Aufsatz sollten wir die Vorbeifahrt des Schnellzuges schildern. Er bestand darauf, dass eine genaue Beobachtung das Wichtigste für eine lebendige Beschreibung sei: Was ist das Erste, das den Zug ankündet? Unsere Vorschläge »Dumpfes Grollen, Kreischen, Vögel, die auffliegen« wurden entgegengenommen, aber erst seine eigene Beobachtung, dass nämlich zuerst die Fahrleitung zu schwingen begänne, führte uns vor Augen, was wahre Schriftstellerei ist. (Dass ich später herausfand, dass dem nicht so ist, tat Dambachs Lektion keinen Abstrich, im Gegenteil: Wer so eine Erfindung als authentische Beobachtung präsentieren kann, darf weiterschreiben.)

Zum Dritten: Im Gymnasium wechselte ich in einer Nacherzählung, eine Pflichtübung, die ich zum Gähnen fand, vom Präteritum ins Präsens. Grammatikalisch nicht richtig, aber, wie ich mich verteidigte, der Spannung dienlich. Lehrer Thomke beschied mir: »Wenn Sie dreimal eine Sechs schreiben, dann dürfen Sie sich solche stilistische Freiheiten herausnehmen, vorher nicht!«

Diesen drei Lektionen folgend, versuche ich noch immer, meine Stimme zu finden, Klischees nicht auf den Leim zu kriechen, sie aber auch nicht zu verachten, denn sie sind oft wirksam. Und Beobachtungen ernst zu nehmen, aber nicht der eigenen Fantasie unterzuordnen und, wenn ich mir sicher bin, auch mal über den »Dudenrand« hinwegzusehen. Dass diese Stimme etwas zu sagen hat, davon bin ich überzeugt, auch wenn ein ganz leises Stimmchen dagegenhält und piepst: »Wieso denn  ausgerechnet du?« Wenn dieses Stimmchen dereinst überhandnimmt, dann höre ich auf.